In unserem Leben sind uns viele Künstler begegnet und nicht selten auch zu Freunden geworden. Natürlich haben, wie im richtigen Leben, viele dieser Geschichten auch Bezüge zum Kulinarischen.

Ein paar von diesen Geschichten werde ich künftig in diese Seite meines Blogs einstellen. Hier kommt die erste, sie heißt:

1. Gambas mit Bratkartoffeln

Es war in jenem Jahr nach der Wende, als wir unser Restaurant in Köpenick hatten. Dieses lag an einer Hauptstraße, die ganztägig von Tausenden von Autos befahren wurde und war, wie sich später herausstellte, wegen zahlreicher Umstände keine gute Idee. An einem Wochentag abends – schon nach zehn- saßen nur noch ein paar Freunde herum, und wir zogen in Erwägung, für diesen Tag Feierabend zu machen. Alle wollten noch austrinken und dann gemeinschaftlich das Restaurant verlassen.  Plötzlich ging die Tür auf und ein Mann kam herein. Er fragte, ob das hier das Fioretto, das Restaurant unserer Vorgängerin, sei und als wir das wahrheitsgemäß verneinten, trat eine gewisse Ratlosigkeit in seine Gesichtszüge. „Aber im Hotel haben sie uns gesagt,..“. Ich wusste noch immer nicht, wer er ist und fragte zurück: „Na was wollen Sie denn?“. „Wir wollten hier essen.“

Ordentlich essen könne er natürlich auch bei uns, ließ ich ihn wissen, er überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Okay, warum eigentlich nicht, Moment, ich hole die anderen.“

Darauf verschwand er wieder und kam mit drei weiteren jungen Männern, die offenbar im Taxi gewartet hatten, in unsere Gaststätte.  Er sprach mit ihnen Englisch, offenbar war er der einzige Deutsche. Sie ließen sich an einem der freien Tische nieder. Ich offerierte ihnen unsere Karte und fragte dann nach Ihren Wünschen.

Die Wünsche waren zum Teil von abenteuerlicher Natur und hatten mit unserer Karte wenig gemein. An alle Einzelheiten der Bestellung kann ich mich heute nicht mehr erinnern aber zwei Dinge sind mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. So verlangte einer, der sich später als  Roddy Lorimer erwies, Bratkartoffeln mit Gambas und irgendjemand wollte gerne eine Hühnersuppe haben, die wir selbstverständlich auch gar nicht auf der Karte hatten.  Jan, unser Koch, und ich verschwanden in der Küche und versuchten die sonderbare Bestellliste abzuarbeiten. Dass wir  unter höchstem Druck arbeiteten, brauche ich sicher nicht zu erwähnen, hatten wir doch –obwohl wir noch immer nicht wussten, wer unsere Gäste waren, irgendwie das Gefühl, einem hohen Anspruch genügen zu müssen.  Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit verschiedenen Tricks und einer gefrorenen Hühnerkeule, der ich in der Mikrowelle allerlei Gewalt antat, die gewünschte Hühnersuppe herstellte und natürlich richteten wir auch die Gambas mit Bratkartoffeln an.  Als Jan und ich mit den fertigen Essen die Küche verließen, um sie unseren Gästen zu servieren, hatten die wenigen anwesenden Freunde und die vier Ankömmlinge im Gastraum schon zwei Tische zusammen geschoben und saßen gut gemischt zusammen. Alle waren bereits in bewegte, natürlich in Englisch geführte, Gespräche verwickelt. Im Laufe des weiteren Abends wurde nach und nach klar, dass das die Musiker waren, mit denen Marius Müller-Westernhagen gerade auf einer seiner Stadiontouren war. Am kommenden Tag sollte das Konzert  in der Waldbühne stattfinden. Genauer gesagt war, der, der als Erster das Lokal betreten hatte, der Pianist und spätere Harald-Schmidt-Begleiter Helmut Zerlett. Neben ihm der schottische Trompeter Roddy Lorimer, der auch schon mit den Rolling Stones, Eric Clapton, The Who, The Waterboys, Beyoncé und Nik Kershaw gespielt hatte, der britische Saxophonist Simon Clarke der neben vielen anderen mit Pete Townshend, Mike Oldfield und Eric Clapton gearbeitet hatte und Tim Sanders von dem u.a. das wunderbare Saxophon-Solo in Westernhagens  „Weil ich Dich liebe“ stammt und der auch von The Who bis Kylie Minogue alles auf seiner Liste hatte, zu unseren weitgereisten Essensgästen. Sie gehörten alle der Bläserformation Kick Horns an, die für die Tour verpflichtet worden waren.  

Dass diese eine durchzechte Nacht in unserem Restaurant zu einer langjährigen im Geiste bis heute anhaltenden Freundschaft führen sollte, ahnte keiner von uns.    

Als wir früh gegen 5.00 Uhr auseinander gingen, hatte Helmut eine von uns hastig gefertigte Liste mit allen Beteiligten nebst deren Partnern und lud alle zum Konzert am selben Abend  ein. Nur Freya, meine Frau, und ich waren nicht auf der Liste, weil wir das Restaurant offen halten mussten, denn Jan, unserem Koch, hatten wir selbstverständlich für das Konzert freigegeben. Jan hatte große Bedenken, dass seine Freundin ihm glauben würde, wenn er diese Geschichte zu Hause erzählen würde. Selbstverständlich tat sie das nicht und als die Gruppe am nächsten späten Nachmittag vor der Waldbühne auf eine Kasse zusteuerte, um die von Helmut hinterlegten Karten abzuholen, und von dort zu einer anderen Kasse geschickt wurde, huschte noch einmal so eine „Hab ichs doch gewußt-Miene“ über ihr Gesicht. Doch dann tat sich ein Seiteneingang auf und die Gruppe wurde eingelassen und erlebte das Konzert.

Man muss an dieser Stelle hinzufügen, dass zu dieser Zeit Westernhagen auf dem Gipfel seines Ruhmes war. Er füllte riesige Arenen und wurde mit Platin und Echos überhäuft. Seine in dieser Zeit veröffentlichten Alben hielten sich bis zu 78 Wochen auf Platz 1 in den Charts. Wohl deshalb hatten sich die Dinge für Jans Freundin wie ein Märchen angehört, das nun wahr geworden war.

Wir hatten verabredet, dass wir an diesem Abend das Restaurant so früh wie möglich schließen sollten und dann gegen Mitternacht mit einem Taxi in die Innenstadt zu dem Hotel fahren sollten, in dem die Musiker abgestiegen waren. Dorthin würden sie auch nach dem Konzert kommen, um mit uns noch eine weitere Zeit zu verbringen. Als wir in das Hotel kamen, traf auch gerade der Tourbus ein. In der Lobby gab es einen etwas abgeschirmten Teil, in den  wir sofort eingelassen wurden.

Nach und nach trudelten die Musiker ein und nahmen in der Runde Platz. Da war Raoul Walton, der Bassist, da war Jay Stapley der Gitarrist. Irgendwer wollte wissen, wer wir denn seien und als wir dies erklärten, ging ein „Ach Ihr seid das…“ durch die Runde. Offenbar hatten unsere Vorabendgäste in schillernden Farben vom Besuch bei uns erzählt und so wurden wir sofort wie alte Bekannte in die Tourneerunde aufgenommen. Dass auch diese Nacht wieder lang wurde, ist nach alldem sicher nicht wirklich überraschend. Sie endete mit der Verabredung beim Konzert in Leipzig wenige Tage später, da Freya und ich ja das Konzert selbst noch nicht gesehen hatten.  

Am Tag unserer Fahrt nach Leipzig hatte Freya Rücken, sie überstand die Autorfahrt quasi im Liegen und für das Konzert, dass auf einer riesigen  Wiese stattfand, nahmen wir eine Campingliege mit, so dass sie zum Gaudi der anderen Zuschauer um uns herum, das Konzert im Liegen verbrachte. Im Moment unseres Eintreffens  auf dem Festgelände war dort gerade ein kräftiger Regenguss niedergegangen und als die Musiker uns vor dem Konzert zu einer Besichtigung der gewaltigen Bühne in den Backstagebereich einluden, erlebten wir mit, wie Roadies mit Besen die Wassermassen auf der Bühne bekämpften, damit der während der Konzertes wie ein Wirbelwind über die Bühne fegende Herr Westernhagen nicht ausrutscht.

Backstage in Leipzig beim Westernhagen-Konzert

 Angesichts der riesigen Bühne und des Blickes von ihr auf die mehrere Fußballfelder große noch leere Festwiese bekamen die Kinder, allen voran unser damals ungefähr zehnjähriger Sohn Constantin vor Aufregung leuchtende Augen. Auch die Nacht in Leipzig endete in der Lobby des Tourhotels und als wir zurück nach Berlin fuhren, zog am östlichen Himmel der neue Morgen herauf.

Einige Zeit später waren wir zum Konzert in der Hamburger Messe verabredet. Ein Freund in Hamburg hatte uns seine Wohnung überlassen, wir ließen auch das Auto dort und begaben uns zum Tourhotel. In der Lobby herrschten tumultartige Zustände. Neben der Westernhagencrew, die sich dort zur Abreise zur Messehalle sammelte, hatten sich am Nebentisch umringt von Begleittross und Reportern aller Art auch die Scorpions niedergelassen.

Inmitten des Trubels saß leicht versunken in einer der üblichen schwarzen viel zu tiefen und ausladenden Ledercouchen Bassist Raoul Walton Hand in Hand mit einer jungen semmelblonden Frau. Wir wühlten uns durch das Gewimmel. Als er unserer ansichtig wurde, sprang er auf und rief: „Freya, wie schön, jetzt kann ich Dir endlich meine neue Freundin vorstellen.“     Als wir nach dem Konzert mit im Tourbus zurück ins Hotel fuhren, ließen die Fans den Bus, der sich im Schritttempo mühsam den Weg durch die heimkehrenden Massen bahnte, so sehr schaukeln, dass ich ernsthaft Angst bekam, er könne umkippen.  

Irgendwann war der Zenit von Marius Müller-Westernhagen überschritten und er zog sich zeitweilig aus der Öffentlichkeit zurück. Davor hatten die Musiker und wir uns noch bei ein paar Konzerten getroffen, u. a. auch noch mal in der Waldbühne aber nun sahen wir uns eine gefühlte Ewigkeit nicht.

2005 ging Westernhagen noch mal auf Tour und zwar durch die Hallen. Trotz der für die damalige Zeit exorbitant hohen Ticketpreise (Stehplätze waren nicht unter 70 EUR zu haben) sollte er auch bei dieser Tour noch mal eine viertel Millionen Konzertbesucher anziehen. Das Berliner Konzert war in der Max-Schmeling-Halle geplant. Diesmal hatte ich mir gar keine Gedanken darum gemacht, weil ich nicht einmal wusste, welche Musiker Westernhagen für die Tour engagiert hatte, bis mich am Vorabend des Berliner Konzerts überraschend ein Anruf erreichte und  eine sanfte hohe Stimme mich fragte: „Heh, hier ist Helmut, Micha, wollt Ihr den gar nicht ins Konzert kommen? Wie viele Karten brauchst Du denn?“ Nachdem ich mich halbwegs gesammelt hatte, atmete ich tief durch und zählte im Geiste die Häupter meiner Lieben, die kleinste mögliche Liste lag bei etwa 20 Personen. Helmut nahm die Zahl entgegen, wie eine Brötchenverkäuferin die Zahl der gewünschten Schrippen und erklärte mir, wie wir am Abend zu den Karten kommen würden. Alle bekamen tatsächlich ihre Tickets, Freya und ich, wie schon bei den letzten früheren Konzerten welche für den VIP-Bereich. Dort wurde man während des Konzerts mit Getränken versorgt. Auf der Bühne standen – bis auf wenige Ausnahmen – all die alten Barden, „unsere Musiker“. Nach dem Konzert fuhren wir mit einigen wenigen in das Hotel in der Berliner City, dass die Musiker uns genannt hatten und trafen uns. Es war ein fröhliches Wiedersehen und knüpfte nahtlos an die alten Zeiten an.

v.l. Helmut Zerlett, Roddy Lorimer und ich

Roddy hatte mir eine Flasche schottischen Whiskys mitgebracht, der so alt war, dass es die Destille, die ihn hergestellt hatte, schon nicht mehr gab und sollte im Verlaufe der Nacht zu mir sagen: „Michael, you are one of the best friends in the world“.

Aber in dieser Nacht wurde auch noch ein ganz anderer Plan ausgeheckt. Freya löste die Sache mit einer in ihrer unnachahmlichen Art gestellten Frage aus: „Helmut, wann kommst Du eigentlich mit Deiner Band mal nach Köpenick und spielst am 1. Mai für die Linke?“

Dazu muss man wissen, dass die Partei „Die Linke“ Treptow-Köpenick seit vielen Jahren jeweils am 1. Mai in der Köpenicker Altstadt eine Maifeier unter freiem Himmel mit Gesprächsrunden und Musik ausrichtet, für die ich alle Jahre die künstlerische Verantwortung trage. Zu der hatte Freya gerade Helmut Zerlett eingeladen, der zu diesem Zeitpunkt an zwei Abenden in der Woche in der Harald Schmidt Show mit durchschnittlich 1 Mio Zuschauern pro Sendung vor der Sat 1 – Kamera stand.

Und Helmut sagte zu. Wir verabredeten noch in der Nacht ein paar organisatorische Details und der Plan stand. Irgendwann in den frühen Morgenstunden gingen wir auseinander und hatten wie immer bei diesen Begegnungen das Gefühl, das unsere Herzen gerade am Überlaufen waren. Genau die Verabschiedung hielt man noch aus, dann war Schluss. Ende, mehr Kraft war nicht mehr da.

An der Schwelle dieses Jahres hatten Freya und ich den Entschluss gefasst, dass nach 24 Jahren nichtehelichen Zusammenlebens nun der Zeitpunkt gekommen war, aus vielerlei Gründen die Ehe zu schließen. Als günstigster Termin erwies sich der 15. April, der Vorabend von Freyas 60. Geburtstag. Freunde in ähnlicher familiärer Lage schlossen sich  uns an und so begingen wir eine fröhliche Doppelhochzeit und danach eine Feier mit fast 300 Gästen. Während dieser Feier traten mehrere befreundete Künstler mit musikalischen Beiträgen auf, darunter die Jonathan Blues Band, Thomas „Monster“ Schoppe von DDR-Rocklegende Renft und Horst Krüger, der sich nicht zu schade war, für unsere Gäste auch zum Tanz aufzuspielen. Die Hochzeitsfeier sollte bis Mitternacht gehen und danach wollten wir nahtlos in die Geburtstagsfeier für Freya hinüberfeiern.

Unter unseren Gästen befand sich auch der langjährige FDJ-Kulturfunktionär und spätere stellvertretende Kulturminister der DDR Hartmut König. Aus seiner Feder stammt u.a. das DDR-Lied „Sag mir, wo Du stehst“, dass nach der Wende alles andere als en vogue war. König und wir trafen gelegentlich bei Feiern einer Familie zusammen,  bei der sich verschiedene Freundeskreise kreuzten.

Als Musiker und Texter, greift Hartmut bei Feiern gern mal  zur Gitarre und dann werden alte Rote Lieder gesungen oder auch der alte DDR- Schlager „In der Mocca-Milch-Eisbar“, zu dem er den Text geliefert hat,.

An unserem Hochzeitsabend hatten wir nicht damit gerechnet, dass Hartmut singen würde, bis wir kurz vor Mitternacht den Hinweis erhielten „Wenn Ihr eine Gitarre auftreibt, möchte Hartmut auch etwas beitragen.“ Als Freya Monster, den man getrost als Opfer der DDR-Kulturpolitik bezeichnen kann,  nach der seinigen fragte, wollte dieser natürlich wissen, für wen. „ Was, König ist da? Den erschieß ich…, er holte dann einen Augenblick Luft und fuhr fort, na gut, dann hol ich jetzt mal die Gitarre.“

Freya und Hartmut König

So wurden am Ende unserer Hochzeit von den Anwesenden abwechselt Lieder der DDR-Rockband  Renft und Rote Lieder gesungen, Erinnerungen daran verursachen mir bis heute Gänsehaut. Ganz sicher aber haben sich Monster und Hartmut an diesem Abend das einzige Mal in ihrem Leben eine Gitarre geteilt.

Hartmut, Freya, unser Freund Henning und Monster
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Selbstverständlich hatten wir auch Helmut zu dieser Hochzeit eingeladen, leider konnte er aber nicht teilnehmen. Nun lagen allerdings der 1. Mai und unsere Verabredung nicht mehr fern.

Helmut Zerlett und ich, h.l. Raoul Walton

Am Vorabend der Veranstaltung reisten die Musiker aus Köln und München kommend in Berlin an und nahmen in einem Hotel in Köpenicks Altstadt Quartier. Wir hatten uns verständigt, dass die Musiker sich oft genug in Hotels herumdrücken mussten, sicher war es für alle interessanter, sie zu einem von mir errichteten Abendessensbuffet zu uns nach Hause einzuladen. Gesagt, getan. Sie standen zur verabredeten Stunde vor unserer Tür. Als sie eintraten, rutschte mein Herz immer tiefer. Da es sich bei den Band um das von Helmut und Stefan Krachten vorangetriebene Jazzprojekt „the unknown cases“ handelte, kannten wir außer ihm nur Bassisten Raoul Walton aus der Westernhagenband persönlich und ich dachte beim Anblick der Anderen so: „Hoffentlich hat Helmut denen ordentlich gesagt, dass sie hier morgen auf einem Fest der Linken auftreten sollen“.

Als wir dann nach dem Essen alle mit einem Glas in der Hand in der Runde saßen, fragte Helmut natürlich, wie denn unsere Hochzeitsfeier verlaufen sei und wir erzählten davon und natürlich kamen wir auch auf die Geschichte von Monster und Hartmut König zu sprechen. Plötzlich begann Raoul Walton, dunkelhäutiger Bassist aus New York City mit Wohnsitz in München, das „DDR-Lied“ „Sag mir, wo Du stehst…“ von der ersten bis zu letzten Strophe zu singen.

Im Raum herrschte die berühmte „Stecknadel-Stille“ bis Raoul das Rätsel auflöste, vor dem alle standen: Er hatte in früheren Jahren bei Heinz-Rudolf Kunze gespielt und der hatte alle seine Konzerte mit diesem Lied eröffnet. In diesem Moment war mir schlagartig klar, dass meine Bedenken hinsichtlich des Auftritts am nächsten Tag alle gegenstandslos waren.

Dass das Konzert von Helmut, seiner Tochter Jana und seinen Mitstreitern bei sonnigem Wetter in der Köpenicker Altstadt am nächsten Tag ein voller Erfolg war, brauche ich fast nur noch am Rande zu erwähnen. Der Ethno-Dancefoor schmiegte sich in die Ohren und Herzen unserer Besucher, die Virtuosität der Musiker blieb noch lange auf der Bühne als diese die Bühne längst verlassen hatten.

Wieder sind Jahre ins Land gegangen. Westernhagen-Konzerte haben wir nicht mehr erlebt. Heute macht es uns Facebook einfacher, trotzdem wenigstens ein bisschen miteinander auf dem Laufenden zu bleiben. Aber die wilden Jahre der Westernhagen-Konzerte werden uns allen als eine spannende gemeinsame  Erfahrung über Freundschaft, Musik und Respekt über Ländergrenzen hinweg in Erinnerung bleiben, eine Zeit, die mit Bratkartoffeln und Gambas begann.

2. Erdbeeren auf Toast – Maria und Arthur in Amsterdam

Zum ersten Mal haben wir es bei Maria gesehen, wie sie morgens einen Toast mit Butter bestrich, dann halbe für halbe Erdbeere sorgsam mit ihren schönen Händen darauf arrangierte  und die Brote ihren kleinen Kindern als Frühstück hinstellte. Wir sahen uns an und dachten: „boah, was für eine einfache und doch tolle Idee“. Seit damals sind 30 Jahre vergangen und ich habe unzählige Sommerfrühstücke mit Fruchttoast verbracht und liebe ihn noch immer. Manchmal, wenn die Früchte nur wenig Zucker haben, streue ich etwas braunen Zucker darüber und weiß, das ist immer noch viel weniger Zucker, als in einer Konfitüre. Aber dafür es ist dreimal frischer. Wunderbar übrigens auch mit Pfirsichen oder Aprikosen.

Vor etwas mehr als 30 Jahren bereiteten sich die damals getrennten 2 Berlins auf die 750 Jahrfeier vor. Beide reklamierten für sich, das schönere und gästefreundlichere Berlin zu sein und übertrafen sich gegenseitig mit Veranstaltungen aller Art. Höhepunkt sollte auf beiden Seiten so eine Art Flottenparade sein, also große fahrende Partys auf dem Wasser, von dem es in West und Ost wahrlich genug gab.

 Etwa 2 Tage vor diesem Jubelereignis  hatten Freya und ich uns bei meiner Mutter in der Schönhauser Allee zum Abendessen eingeladen, weil wir irgendeinen Film sehen wollten, den es nur in dem Kino gab, das unmittelbar neben der Wohnung meiner Mutter seinen Standort hatte. Wir gingen also erst zu meiner Mutter und dann ins Kino. Danach fuhren wir nach Hause, nach Spindlersfeld. Wer das Berliner S-Bahnnetz kennt weiß, dass man auf dem Wege nach Spindlersfeld zu bestimmten Tages- und vor allem Nachtzeiten in Schöneweide in eine Bahn umsteigen muss, die auf der einspurigen Strecke von Schöneweide immer hin und her fährt. Auf diese Bahn warteten wir auf dem Bahnsteig und mit uns warteten als Einzige zwei junge Familien mit einem sehr kleinen Jungen. Sie sprachen eine fremde Sprache, wir waren aber nicht nahe genug bei ihnen, um die Sprache zu identifizieren. Als die Bahn kam, stiegen wir in dasselbe Abteil, das tun alle, die die Strecke kennen, weil man aus diesem Abteil am schnellsten zum Ausgang des Bahnhofs kommt. Freya hatte mich schon vorher auf den kleinen Jungen aufmerksam gemacht, der für sein Alter unglaublich mobil und aufgeweckt war. Nun mit seinen Eltern in einem Abteil konnte sich Freya natürlich nicht verkneifen, die Eltern anzusprechen. Sofort waren wir in ein Gespräch verwickelt. Es handelte sich um Holländer, die mit einer großen Gruppe von Zeesenbootbewohnern in knapp 20 Booten nach Berlin gekommen waren, um die Parade mitzufahren. Eigentlich wollten sie alle nach Ostberlin kommen, aber einmal in Westberliner Gewässern angekommen, ließen die Westberliner Behörden die überwiegende Anzahl der Boote nicht nach Ostberlin weiterfahren und so fuhren diese Boote die Parade in Westberlin mit. Zwei oder drei dieser Boote hatten es aber doch in den Osten geschafft und eines davon lag nun vertäut am Ufer ein paar Meter hinter unserem damaligen Wohnsitz. Selbstverständlich genügten die 4 Minuten Bahnfahrt und die anschließend gemeinsam zurückgelegte 5 Fußminuten, um das alles auszutauschen und zu erfahren, dass der kleine Holländer Sven hieß, mehr aber dann doch nicht und so war folgerichtig, dass die jungen Leute uns auf das Boot einluden. Wir machten also kurz Stopp in unserem Haus, sagten dem großen Sohn Bescheid, der als Einziger noch wach war, griffen eine Flasche Wein und gingen ans Ufer, wo das Schiff lag. 

Diese Zeesenboote dienten in ihrem ersten Leben dem Transport von Dünger auf holländischen Gewässern per Segel. In dieser Hinsicht hatten sie ihren Dienst getan. Einige Fans bauten die Boote, nachdem sie außer Dienst gestellt waren, zu Wohnungen aus. So auch unsere neuen Freunde Maria und Arthur Oomens. Angesichts einer angespannten Wohnungssituation in Amsterdam, hatten Sie ihr Geld in den Ausbau dieses Dreimasters gesteckt, der nun hinter unserem Haus lag und sonst im Zentrum von Amsterdam einen Liegeplatz  hatte. 

Es wurde eine lange Nacht, in der wir nicht nur erfuhren, dass Arthur Cellist im Concertgebouw-Orchester war, sondern auch unzählige Fragen zum Leben in der DDR beantworten mussten. Irgendwann, als es schon wieder hell zu werden begann, gingen wir nach Hause, nicht ohne die holländischen Freunde zum bevorstehenden Frühstück auf unsere Veranda eingeladen zu haben.

Bei diesem Frühstück  wurden die interessanten Gespräche fortgesetzt und Arthur versprach, bei dem Konzert, dass das Concertgebouw Orchester in nächster Zeit nach Berlin führen würde, um 2 Konzerte unter Leonard Bernstein zu spielen, an uns zu denken und uns Eintrittskarten dafür zu besorgen.  

Dann mussten unsere holländischen Gäste losziehen, um sich für das große Wasserevent in Stellung zu bringen. Als ich kurz nach ihnen das Haus verließ, um irgendetwas zu erledigen, fand ich in unserem Garten 2 Säcke mit Dünger aus Holland. Ein Mitbringsel, bei dem der alte Düngerkahn noch einmal zu seiner früheren Form auflaufen durfte.

Die Wochen gingen ins Land und das große Konzert des Concertgebouw warf seine Schatten voraus. In den Betrieben setzte der Tanz um die begehrten Eintrittskarten ein. Ob überhaupt Karten in den öffentlichen Verkauf kamen, kann ich heute nicht mehr sagen. Wir hatten jedenfalls keine und waren andererseits unsicher, ob wir auf die Zusage von Arthur vertrauen konnten. Aber wir konnten. Am späten Nachmittag des Vortages rief mich Freya auf meiner Arbeit an und fragte: ‚Rat mal, wer eben angerufen hat?‘  Sie erzählte mir, dass Arthur angerufen hatte und simulierte seinen holländischen Akzent: “Hierr ist Arthüürr.“ Arthur habe gefragt, ob wir morgen oder übermorgen zum Konzert kommen wollten und gleich den Hinweis erteilt, dass es übermorgen besser sei, weil ohne Fernsehen, da wäre mehr Ruhe im Saal. Schließlich mahnte Freya, ich solle heute pünktlich zu Hause sein, denn sie habe Arthur zum Abendessen eingeladen.

Natürlich war ich pünktlich. Überraschend traf auch noch ein guter Freund aus Polen ein, sodass wir alle miteinander einen Abend mit europäischen Themen verbrachten und das zelebrierten, was die Welt so dringend brauchte, Frieden und Völkerverständigung in Europa. Die Niederlande, Polen und die DDR an einem Tisch, und das 750 Jahre alte Westberlin war auch nicht weit, wir hatten vorgemacht, wie das gutzumachen war. Als wir in der Nacht auseinander gingen, gab es zwischen uns so eine unausgesprochene  Verabredung: Nach dem Krieg um 10.00 Uhr.

Arthur´s Eintragung in unserem Gästebuch

Keiner von uns ahnte, wie bald diese Verabredung einzulösen war.

Dass wir 2 Abende später ein wunderbares Konzert mit dem Concertgebouw Orchester und einem glänzenden Leonhard Bernstein erlebten, braucht fast nur am Rande erzählt zu werden. Es sollte auch das einzige Mal, werden, dass wir ihn erleben durften.

Dass wir nach dem Konzert mit den Musikern in deren Bus zum Hotel „Stadt Berlin“ fuhren und dort noch einige Zeit miteinander verbrachten, verwundert nun vermutlich auch niemanden.

Kurze Zeit danach öffneten sich die Grenzen und tatsächlich  führte uns unsere erste gemeinsame „Westreise“ nach Amsterdam und wir verbrachten ein  paar schöne Tage auf dem Dreimaster im Zentrum von Amsterdam mit Maria und Arthur.  

Freya in Amsterdam
Freya und Maria

Leider haben wir uns irgendwann mal aus den Augen verloren, irgendwann war –von uns unbemerkt – dieser Moment vorbeigegangen, nachdem man nicht mehr ohne besondere Erklärung anrufen kann. Geblieben sind die schönen Erinnerungen und Marias Erdbeeren auf Toast.

3. Kobe-Rind  mit Dirk Zöllner

Dass mir das viele Glück in meinem Leben eine sehr gute Freundin beschert hat, die in einem beratenden Beruf tätig ist, und die mir schon über viele Lebenskrisen hinweg geholfen hat, macht besonders peinlich, dass ich vergessen habe, ihr in diesem Jahr zu ihrem Geburtstag zu gratulieren. Nun hoffe ich zwar, dass sie mir das nicht allzu übel nimmt, weil sie sich darüber sicher sein kann, dass meine guten Wünsche immer bei ihr sind und trotzdem ist es mir peinlich.

Seit ungefähr 20 Jahren bin ich mit Dirk Zöllner befreundet, wir haben uns mal am Rande eines Fußballclubs, mit dem wir beide zu tun hatten, kennengelernt und uns seit dem nicht wieder aus den Augen verloren. Mit seiner damaligen Freundin seiner Tochter Rubini und der Tochter der Freundin ist er auch bei uns in Litauen in unserem Haus gewesen und hat später darüber auf seiner Internetseite gepostet: „Freya und Micha haben uns am Körper und an der Seele gesund gepflegt.“

Dirk mit Freya und unseren Söhnen Thobi und David beim Topwords in Litauen

Eines Tages hatte Dirk ein Problem mit einer nicht näher genannt werden wollenden Behörde und fragte mich, ob ich ihm helfen könnte. Zum Glück konnte ich, denn ich nannte ihm den Namen meiner sehr guten Freundin und vermittelte ihn dorthin. Mit ihrer Hilfe konnte das Problem erfolgreich und nachhaltig  gelöst werden.

Die Freundin arbeitet sehr viel und um gelegentlich Zeit zu finden, mit ihr ein paar Stunden zu quatschen, lade ich sie hin und wieder mal zum Essen ein. Obwohl sie eine sehr zierliche Person ist, isst sie gerne gut und ausgiebig. Irgendwann kamen wir mal auf Kobe Rind zu sprechen und die Freundin stellte fest, dass sie dieses Fleisch auch gerne einmal essen würde, sie bestehe aber darauf, dass ich es zubereite. „Lass uns einen Termin machen,  lad Dirk und Johanna, seine Lebensgefährtin ein und kaufe Kobe-Rind. Ich bezahle das Ganze“. Gesagt, getan, wir fanden einen gemeinsamen Termin und ich rief bei einem Berliner Nobelfleisch-Lieferanten an, um eine Bestätigung zu erlangen, dass er dann das begehrte Fleisch auch haben würde. „Nimm lieber Wagyu Nozaki aus Kagoshima, das schmeckt genauso, ist preiswerter und liefersicherer. Bei den Brüdern aus Kobe weisst du nie… Nimm ein ordentliches Stück Roastbeef, da kannste nichts falsch machen“.

Der Fleischer seines Vertrauens bleibt derselbe nur, wenn man ihm tatsächlich vertraut und so entschloss ich mich dazu, dies zu tun, und bestellte, wozu mir geraten wurde. 800 g Roastbeef vom Wagyu Nozaki aus Kagoshima, 240.- EUR. Der Name „Kobe“ hätte das Ganze noch

60.- EUR teurer gemacht.

Am Nachmittag des Tages, an dem das Essen stattfinden sollte, klingelte es. Der Bote brachte das Fleisch. Er ist unser Lieblingsbote, denn er liefert weite Teile des Kalenderjahres das Fleisch mit einem Anzug bekleidet und somit voller Würde aus. Als er einmal an einem heißen Frühlingstag mit kurzen Hosen und T-Shirt vor der Tür stand, habe ich ihn Momente lang nicht erkannt. Ich bringe die Lieferung in die Küche und packe aus.

Da liegt es nun, das Stück Fleisch und sieht mich an. Ich sehe es an. Die Küche füllt sich mit Ehrfurcht. mir ist irgendwie mulmig um die Knie. Die Vorfreude und die Angst, hier etwas zu versauen, ergreifen gleichermaßen von mir Besitz. 

Schließlich sammle ich mich und gewinne meine Tatkraft zurück. Man muss das jetzt irgendwie in Angriff nehmen. Ich entdecke, dass sich an einer Seite ein kleines Stück von dem Ganzen abbrechen lässt und fasse zu. Dann heize ich meine Steakpfanne hoch und lege das Stück hinein und sehe sofort, dass dieses Fleisch mir alle Informationen, die es für das Braten braucht, direkt zuruft. Durch dieses Schmelzen in der Pfanne sieht der erfahrene Steakbrater sofort, wie der Zustand des Fleisches in der Pfanne ist. Ich entspanne mich, das Fleischstück mit der weiten Reise aus Kagoshima und ich sind Freunde geworden. Als ich es schließlich koste, schlägt die Freundschaft in Liebe um. Es ist köstlich, unvergleichlich, anders, besser. Der besondere Geschmack dieses Fleisches kommt von der starken Fettmarmorierung, ein Fett, das schon bei höherer Zimmertemperatur schmilzt. In der Pfanne tritt das Fett sofort aus, das Fleisch brät im eigenen Fett und wird mit einem knusprigen Mantel wohlschmeckender Röstaromen umgeben.

Mein Vorsatz von früher, einmal Kobe-Rind im Leben gegessen zu haben wandelt sich zu dem Vorsatz, das musst du wieder haben.  Der Adrenalin-Ausstoß bewirkt, dass ich alle Vorsicht fallen lasse. Dieses Fleisch werde ich heute Abend auf meinem Teriyaki-Grill coram publico zelebrieren. Ich schneide die Scheibe in Blöcke, um möglichst viel Röstaroma zu erzeugen und die leicht unterschiedliche Dicke der Scheibe auszugleichen.

Als wir am Abend beieinander sitzen, die gute Freundin, Johanna und Dirk, mein Sohn Constantin und ich, gelingt das Braten wie aus dem FF. Etwas mehr durch, bitte sehr, etwas weniger, kein Problem, das Fleisch verrät auf dem Grill, wie gar es ist. Dirk ist für Moment sprachlos, um dann festzustellen, dass er so ein gutes Fleisch noch nie gegessen hat. Auch die anderen sind voller Begeisterung.

Es wird ein langer Abend mit viel Wein und viel aufgekratzten Gesprächen.

Dirk mit seinem Sohn Ludwig in meinem Esszimmer

Dirk und ich, die gute Freundin und ich und natürlich auch mein Sohn und ich haben jeweils schon vieles gemeinsam erlebt, eines davon wird bleiben, dass wir alle das erste Stück Kobe-Rind unseres Lebens geteilt haben. Wenn es auch aus Kagoshima war…

4. Frühstück mit Lippi

Im Herbst 1996 organisierte die Theatergesellschaft Cöpenick, deren Vorsitzender ich damals war, aus Anlass der 90. Wiederkehr des Hauptmannstreiches einen Ball der Hauptmänner. Zu diesem Ball gelang es uns, 5 der Schauspieler,  die den Hauptmann von Köpenick je gespielt hatten, in einem Saal zu versammeln, unter ihnen Herbert Köfer, Manfred Kohrt und Jürgen Hillbrecht.

Auf der Bühne glänzten wir mit einem Programm, das u.a.von Katja Ebstein, Dagmar Frederic und in der späten Nacht vom Ballett des Friedrichstadtpalastes gegeben wurde. Für die Moderation hatten wir Wolfgang Lippert (Lippi) gewinnen können. Irgendwann gegen Mitternacht ging der Ball zu Ende und die Leute verließen den Festsaal und begaben sich auf den Heimweg.

Während der Ball lief, hatten wir für alle diejenigen, die an der Organisation beteiligt waren oder andere Verantwortung trugen, ein striktes Alkoholverbot ausgesprochen.  Nun, nachdem das Haus sich geleert hatte, überlegte ich, wo man denn nun am besten sitzen könnte, um  miteinander ein Bier zu trinken. Während ich noch durch das Haus ging, begegnete mir auf der Treppe mein Freund Gerd Simoni aus Güstrow, der an diesem Abend mit seinem Filmteam den Ball mitgeschnitten hatte. Er gab mir zu verstehen, dass Freya, Tochter Miri und noch ein paar andere aus dem Org.-Team sich mit Lippi in einer Garderobe versammelt hätten und wir da auch hinkommen sollten.

Als wir den Raum betraten, herrschte dort schon ausgelassene Heiterkeit.  Wir fassten ein Bier und setzten uns dazu. Es wurde eine der heitersten Nächte meines Lebens.

Dem Frühstück entgegen mit Lippi

Das gute Gelingen des Balls hatte uns alle in eine gelöste Stimmung versetzt.  Wir sprachen über Gott und die Welt und haben viel gelacht. Als es schon wieder hell wurde und die Frühstückszeit herauf brach, stellte Lippi fest, dass er aufgrund der Tatsache, dass er zu unserer Veranstaltung direkt von einer mehrtägigen Mugge außerhalb Berlins gekommen war, überhaupt nichts in seinem Kühlschrank hätte, nicht einmal Brot, was Gerd Simoni spontan zu dem Bonmot veranlasste, dass es ab sofort nicht mehr „Brot für die Welt“ sondern „Brot für Lippi“ hieße.

Freya lud Lippi natürlich sofort zum Frühstück bei uns ein. Aus irgendeinem Grund, den ich heute nicht mehr weiß, konnte Lippi an diesem Morgen der Einladung aber nicht folgen und so schieden wir ungefrühstückt voneinander.

Immer, wenn wir uns später wieder  begegneten, und dazu gab es noch einige Gelegenheiten, kam das Gespräch darauf, dass ja noch eine Einladung zum Frühstück offen sei, wir gewissermaßen permanent zum Frühstück verabredet seien und damit wurde das Thema im Laufe der Zeit zu einem ever running gag.

Tatsächlich haben wir bis heute nicht zusammen gefrühstückt…

5. Bier mit Frank

 Vor Jahren war ich einmal mit Frank Schöbel auf ein Bier in einer Köpenicker Kneipe verabredet. Aus irgendwelchen Gründen war ich schon etwas früher in der Kneipe und saß allein am Tisch mit meinem ersten Bier.

In dem Moment tat sich die Tür auf, und Frank betrat den Raum. Die Gespräche und das Gemurmel an den Tischen verstummten augenblicklich. Die Luft war von einer Sekunde zur anderen von Ratlosigkeit erfüllt. Dann, als sich die Kneipen Besucher nach ein paar Sekunden gesammelt hatten, taten sie das, was man eben tut, wenn ein Künstler auftritt, egal ob er singt oder nicht, sie brachen den Beifall aus. Frank grinste und bedankte sich nach allen Seiten und setze sich dann zu mir an den Tisch.

Heute weiß ich nicht mehr, worüber wir beim Bier geredet haben, in meiner Erinnerung war es aber jedoch ein sehr angeregtes Gespräch. Unser Palaver wurde nur ab und zu dadurch unterbrochen, das nach und nach Gäste von nahezu allen anderen Tischen an unserem Tisch kamen, um Frank in allen Einzelheiten zu erzählen, wo sie ihn wie zuletzt gesehen hätten, im Fernsehen oder auf einer Live Veranstaltung und egal auch, ob er jeweils in der Lage gewesen ist,  sie dort persönlich  wahrzunehmen. Geduldig hörte Frank Ihnen zu, freute sich, bedankte sich und hatte für jeden ein paar nette Worte. Er war eben tatsächlich das, was ihm immer nachgesagt wurde: der nette Kumpel von nebenan.

An diesem Abend habe ich durch Frank kennengelernt, dass es nicht ganz einfach ist ein Prominenter zu sein, den jeder erkennt, wenn er in eine Kneipe tritt.

6. Rotwein mit Renft

Keine Band hat sich so sehr in den Horizont meiner Ostrock-Erlebnisse geschrieben wie Renft.

Überhaupt nicht ungewöhnlich, meine frühen Begegnungen mit der Band. Sie hatten mit einem Mitschüler auf der Erweiterten Oberschule in Elsterwerda zu tun,  den wir alle Kurti nannte. In Wirklichkeit hieß er Knut und er war der Sohn der Elsterwerdaer Bekleidungskaufhausdynastie Galle. Seinen Vater allerdings hatten die enteignenden Verhältnisse in der DDR dazu gebracht, dem ehemals eigenen Kaufhaus nun als Konsum-Verkaufsstellenleiter vorzustehen.  Kurti war der erste echte Fan, dem ich in meinem Leben begegnete, einer, den die Spanier einen aficionado nennen würden. Kurti sprach als Erster den Namen Renft in meinem Beisein aus. Er war bereits  Renft-Fan und hatte die Band am Sonnabend zuvor im Gesellschaftshaus Hoppenz in Elsterwerda spielen sehen. Kurti gehörte überdies der Fangemeinde des Fußballklubs Stahl Riesa an, aber das bewegte mich nicht so, Fußball war nie wirklich mein Ding.

Dagegen horchte ich mit wachsendem Interesse auf alles, was Kurti über diese  Renft-Combo und den Baggerführer Willy, den sie besang, erzählte, der für mich bis heute Kurti´s Gesichtszüge trägt. Es muss 1972 gewesen sein. In dieser Zeit feierte die DDR-Rockmusik ihren absoluten Durchbruch.  Heute kann ich mich nicht mehr erinnern, ob ich Renft irgendwann mal in Elsterwerda oder in der Umgebung gesehen habe.

Indessen erinnere ich mich genau, sie während der Weltfestspiele 1973 erlebt zu haben bei einem Konzert auf einem Innenhof hinter dem ungarischen Kulturzentrum in der Karl-Liebknecht-Strasse. Wir standen – hunderte Blauhemden – auf der balkonartigen Umbauung der Häuser und unten spielte Renft. Endlich. Ihnen ganz nahe. Ich sehe noch Klaus selbst in seinen Bassgurt steigen. Alles wirkte unheimlich hektisch, ging vorüber wie ein Rausch. Eine rockige Musik, die unseren musikalischen Gusto traf und dazu Texte, die nicht nur zu verstehen waren, sondern ein Bild der Welt in Poesie hüllten, das aus dem  uns eigenen Weltgeist wuchs. Unvermittelt hatte die allgegenwärtige Verknüpfung des DDR-Alltages mit historischen Vorgängen und Dimensionen ihr musikalisches Ebenbild.

Revolution
Ist das Morgen schon im heute
Ist kein Bett und kein Thron
Für den Arsch zufriedner Leute

Jeden Tag, wenn ich aus der Schule nach hause kam, führte mich mein Weg zuerst zu dem damals neu erworbenen Plattenspieler und ich legte eine Platte auf, meist Renft. Mit Renft ließ ich Ketten knapper werden und hatte als waschechter Blumenmuffel plötzlich nichts mehr dagegen, eine Rose zu ehren. Mit Renft protestierte ich in den Wänden des Wohnzimmers unter Abhören des Liedes vom Chilenischen Metall gegen den Putsch in Chile und fand die sozialistische Landwirtschaft toll, die so ein patentes Mädchen, wie das Gänselieschen aufkommen ließ. Hörend erfuhr ich das bis heute Unerklärbare, das Leben in der DDR –  und doch war  gerade das wohl die Flugbahn, die das Luftschiff Renft schon nicht mehr eingeschlagen hatte. Musikalisch und textlich waren die irgendwann längst im Niemandsland. Ob ich die politischen Querelen, die quälenden Selbstzerstörungen der Renftmusiker mitbekommen habe, ob ich sie verstanden hätte, als politisches Achtungszeichen oder als kollektive Zersetzung eines Haufens teamunfähiger Egomanen, ich weiß es nicht mehr. Sicher wusste ich, dass Renft eines Tages verboten war. Vermutlich hielt ich auch in der Zeit nach Renft zum Ende der 70er Jahre hin die neue Band Karussell für so eine Art folgerichtiger Compilation, immerhin gehörten ihr zumindest in der ersten Zeit Jochen und Kultfigur Cäsar an. Fortan hörte ich nach der Schule jeden Tag Karussell.  Bis heute kann ich den Text von dem einzigen Leben der alten Frau vom ersten bis zu letzten Wort auswendig. Und ich vergesse die Passage nicht, die später, als ich Christa Wolfs „Kein Ort, nirgends“ las, einen ganz neuen Sinn gewann.

Wenn ich eine Heimat kenn

und die Heimat kennt mich wieder …

wenn ich allzeit jedermann offen kann ins Auge schauen

und dem nächsten kann vertrauen,

nämlich bin ich glücklich

In den Jahren danach wurde Renft zur Konserve, die man bisweilen rauskramte, wenn man am Wochenende nach Hause kam und später, wenn einem mal nach den alten Platten war. Die Konserve ersetzte die abwesende Realität, die mehr und mehr legendäre Gestalt annahm. Eines Tages pfiffen die Spatzen auf den Dächern von Elsterwerda, Großenhain oder Riesa die Lieder von Renft nicht mehr so oft wie früher.

Jahre später sollte ich Renft wieder begegnen.  Im Sommer des Jahres 1997 bat mich ein Freund, dessen Firma 5. Firmenjubiläum begehen wollte, kurzfristig einzuspringen und die Feierlichkeiten zu diesem Jubiläum auszurichten. Bislang hatten sich seine Firmenmitarbeiter darum gekümmert, ihnen drohte aber – allesamt im Veranstaltungsmanagement völlig unerfahren – die Sache aus der Hand zu gleiten. Drei Wochen vor dem Termin war keine einzige Einladung versandt, kein Künstler gebunden, das Programm völlig unklar und kein einziges Merchandising-Produkt konzipiert. Irgendwie war meinem Freund klar geworden, dass – vorsichtig gesagt – die Kacke am Dampfen war und er zog die Notbremse, indem er die Dinge über Nacht in meine Hände legte.  Die einzige Sache, die der Chef selbst klar gemacht hatte, war, dass Renft spielen sollte.

In einem dreiwöchigen Gewaltakt ließ ich Einladungen drucken und verschicken, baute ein Ganztagesprogramm auf, schrieb die Festrede, organisierte die Fertigstellung eines offiziellen und eines inoffiziellen Firmenvideos, verteilte die personellen Verantwortlichkeiten und ließ eine der Anzahl der eingeladenen Gäste adäquate Menge Regenschirme mit dem Firmenlogo meines Freundes bedrucken. Geld war dabei weniger das Problem, die Kürze der Zeit war mörderisch. Angesichts dieser Tatsache hatte ich kaum Momente, meine Fantasie mit der Tatsache zu konfrontieren, dass es ein Wiedersehen mit der Band meiner späten Schultage geben würde.  Hinter diesem Posten stand schon ein Haken.

Der Tag der Feier sollte der einzige Regentag in einem langen Sommer sonniger und trockener Tage werden. Keine Chance, den Himmel blau zu schauen. Selbst der ein paar Tage zuvor geknurrten Botschaft eines von der bevorstehenden Feier genervten Firmenchefs: „Es regnet nicht“, setzte das reale Wetter die Gleichgültigkeit seiner Bewegung mit einer Brutalität entgegen, die am Morgen des besagten Tages keinen Quadratzentimeter des Festareals trocken bleiben ließ.  Es goss wie aus Kannen und in einem weiteren Gewaltakt wurden überall Pavillons zusammengekauft und auf dem Festplatz aufgestellt. Die bedruckten Regenschirme erwiesen sich im wahrsten Sinne des Wortes als Wink des Himmel. 

Getreu dem Motto, eine Feier bei Sonnenschein kann Jeder durchführen, nahm der Tag in der Leichtigkeit seiner kulturellen Darbietungen einen seligen Charakter an,  war schön und schön und schön. Und wurde am späten Abend mit dem Konzert von Monsters Renftband gekrönt, bei dem viele der Gäste selbstvergessen und erinnerungstriefend, den Nieselregen nicht wahrnehmend, vor der Bühne zu den altbekannten Songs tanzten. Da brach in mir die Wunde Renft wieder auf. Wie war das? Tatsächlich alles Lieder von Renft  – und einem war, als hätte man sie ein paar Stunden davor das letzte mal gehört. Siedendheiß, gänsehautkalt. Für zwei Stunden flog er wieder auf,  dieser Vogel mit dem programmatischen Namen Condor, blutend aus der Unbändigkeit seiner Freiheitsliebe, unendlich in seiner Traurigkeit, unermesslich in den Worten des Dichters, in dessen Gleichnis  er steht. Und plötzlich hatten viele der gesungenen Worte eine ganz andere Bedeutung. Zur Besinnung kam ich in dieser Nacht nicht. Viel zu weit weg,  diese Musiker.

Wirklich nahe kam ich ihnen erst Monate später.

An den Anfang der Aktion kann ich mich nicht mehr erinnern. Vermutlich sind die Feuer für diese Fackelei auf einem bierseligen Abend geschürt worden. Da war besagter Freund , da waren Andere. Die zu den frühen Renft-Fans gehörten. Und es mittlerweile zu etwas gebracht hatten. Und sich nicht damit abfinden konnten, mit dem, was Phase war.  Plötzlich war ich mitten drin in einer Aktion. Bei der es um viel Geld ging. Bei der es darum ging, die verstreuten und auf getrennten Bühnen agierenden Gliederungen der Gruppe Renft wieder an einen Tisch zu bringen. Ihnen die Gelassenheit eines Miteinanders in einer neu erstehenden gemeinsamen Bühnenkarriere abzunötigen.  Ihnen diesen Neuanfang über die trennenden Barrieren ihrer gekränkten Eitelkeiten und über die Diskrepanzen ihrer tatsächlich verschiedenen Erfahrungen und Beweggründe hinweg zu versüßen. Ein weicher Beginn.

Sie waren Alle gekommen. Die, die noch miteinander Musik machten in der einen und in der anderen Formation und alle irgendwie Renft hießen. Selbst der, der nicht mehr musizierte. Wir trafen uns im Hinterzimmer eines Grünauer Seglerheimes.  Pünktlich waren nicht Alle  – und schon das löste eine offenbar auf bittersten Erinnerungen beruhende Flut von Schmähungen aus. Schon da hätte ich es wissen müssen. Als endlich Alle beieinander saßen, war mein Freund verschwunden. Er hatte es offenbar gewusst. Ich redete mit Menschen- und Engelszungen. Ich moderierte, deeskalierte, nahm Ernstes ernst, wiegelte Unwichtiges ab. Manchmal war für Sekunden so eine Schwingung im Raum, dass es einen hoffen ließ. Manchmal verstanden sie einander trotz verschiedener Wellenlängen. Am Ende war es Kuno, der es auf den Punkt brachte. Der es in meinen damaligen Augen platzen ließ. Ich habe ihn jahrelang dafür gehasst. Dabei hat er schließlich nur klargemacht, was unverrückbar war. Was mein Freund gesehen hatte, als sie Alle eintrafen, wie sie da saßen, wie sie ihre Biergläser umfassten, wie sie die Welt um sich herum aufnahmen und noch viel mehr, wie sie einander wahrnahmen. Wilde Kerle, jeder auf seine Weise. Eine solche Truppe wie Renft lässt sich nicht kaufen. Punktum. Politisch nicht, durch das Scheren über einen Kamm nicht und mit Geld schon gar nicht. Wie gesagt, man hätte es eigentlich wissen müssen. Den eigenen Erfahrungen eine höchst merkwürdige und am Ende gescheiterte Aufgabe hinzugefügt. Verloren der „Schau-auf-Deine-Helden-Blick“. Dieses, was mich noch auf dem Sommerfest daran gehindert hatte, mit ihnen im Rotwein zu baden. Ich hätte es haben können, ich konnte es nicht. Nun wusste ich, mich hindert nichts mehr daran. Kompromisslosigkeit ist eine starke Wahrheit. Entkleidet von den Mänteln des Ruhmes und ohne die Kraft der Truppe waren sie alle einzeln auf einmal nur noch Menschen. Mit Stärken, die im Können, im Handwerk lagen. Mit Schwächen, und mit was für welchen. Auch an ihnen war die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Und der Gau, diese – wie ich heute denke – Mischung aus Selbstinszenierung und trauriger Bühnenkomik eines in diesem Fall souveränitätslosen Staates schon gar nicht. Hat der Krebs, der diese unbändige Lücke mittlerweile in sie riss, darin seine Ursache?

In der Folgezeit hatte ich viel mit Monster zu tun. Auf ihn konzentrierte sich die Zuneigung der gescheiterten Wiedervereiniger nun. Es gipfelte in 18-Meter hohen Anschlägen mit seinem Konterfei  auf Hochhäusern in der Berliner Innenstadt.  Wenn man bei den Renft-Musikern überhaupt von Teamfähigkeit sprechen konnte, dann war Monster mit Sicherheit am weitesten davon weg. Introvertiert bis zur Selbstaufgabe, weitgehend beratungsresistent, hat Monster stets allen Verlockungen sinnmachender und auf praktisches Fortkommen gerichteter Entscheidungen widerstanden. Bei der Wahl zwischen zwei Wegen habe ich ihn nie den einfacheren wählen sehen. Über die eigene intellektuelle Verquastheit stolpernd, hat er wohl noch zehn Jahre nach der Wende an seinen wenigen Nachwende-Songs gearbeitet, ohne sie je in einem signifikanten Ausmaß auf die Bühne zu bringen. Tief zerstritten mit sich und mit Renft und mit den anderen Renftianern war er wohl derjenige, der am wenigsten im Kreise der Anderen geduldet war, wenn sie sich aufgrund eines Jubiläums doch mal zu einem Einzelgig gemeinsam auf der Bühne versammelten.

Umgeben von brillanten Musikern wie Delle Krise, Marcus Schloussen und dem leider auch viel zu früh verstorbenen Heinz Prüfer war Monster mit seiner Renftband autark und konnte eigenständig das gesamte Renft-Repertoire bieten.  Nun, nachdem Pjotr, Klaus und Cäsar tot sind, nachdem Kuno sein Gehör verloren hat,  kommt ihm tatsächlich die Rolle zu, die er immer leben wollte, nämlich gültig für Renft zu stehen. Es ist schon bemerkenswert, dass ihm das Schicksal diese Aufgabe tatsächlich zugespielt hat, ihm, der dafür vielleicht die geringste Bestallung der Anderen hat. Als hätte er es geahnt,  hat ihn das nie losgelassen, hat ihn immer wieder auf das Tiefste beschäftigt. Darüber konnte er tagelang und vor allem nächtelang reden. Haus und Hof, junge Frau und Tochter darüber vergessen.  Einmal standen wir zusammen am 1. Mai vor einer Festbühne der PDS und auf dieser sang Thomas Putensen gerade ein Friedenslied und die PDS ließ dazu Hunderte von Luftballons in die Luft steigen. Die Zuschauer hielten den Atem an. Berührt von dem Augenblick sah ich den aufsteigenden Ballons nach.   In diesem Moment voller Gänsehaut sagte Monster zu mir: „ Tja, es ist schon nicht leicht, das Renfterbe zu verwalten.“ Ich war wie mit dem Hammer auf den Kopf getroffen. Von dieser ambitionierten Realitätsabgekehrheit waren die meisten meiner Begegnungen mit ihm, selbst die nüchternen, die sturzbetrunkenen sowieso. Dies kostete ihn schließlich eine weitere Ehe, behinderte oder zerstörte viele seiner Projekte, soweit sie über die Bewahrung und den Vortrag es alten Renftrocks hinausgingen.

Trotz allem, an guten Tagen ist er bis heute auf der Bühne unschlagbar. Ohnehin war er immer der Sänger, der dem Gesamtrepertoire von Renft am besten seine Stimme zu leihen vermochte. Die Anderen konnten immer nur bestimmte Lieder gut singen.  Monster kann alle. Und er kann darüber hinaus auch noch Sweet child in time. Und wenn er richtig gut drauf war, war seine Live-Interpretation allemal spannender als die Konserve von Deep Purple.  

Neben anderen Musikern spielte Monster zu meiner Hochzeitsfeier im Jahre 2006.

Die Erinnerungen an die Begegnungen mit Klaus Jentzsch, den alle Renft nannten,  sind samt und sonders mit dem Stempel „hanebüchen“ versehen. Ob wir uns bei einer Ausstellungseröffnung  in seiner Wohnung in der Berliner Torstraße in seinen Pfeifenqualm hüllen ließen,  oder zum 2. Weihnachtsfeiertag  bei Freunden trafen, war egal.  Alle Begebenheiten endeten stets in einem Meer von Alkohol und manchmal begannen sie schon dort. Längst hatten der langjährige Druck, unter dem Klaus sich wohl immer empfand und sein Rezept, damit umzugehen, die Legende in Bruchstücke zerschlagen. 

Er stand oft in den Trümmern, machte dann einen zerfransten Eindruck auf mich. Ein bisschen Licht, ein bisschen Schatten. Er begegnete einem ganz tief und ganz oberflächlich in einem, war zerrissen zwischen beidem. Lustiger Typ, immer einen Scherz auf den Lippen, oft auch einen, mit dem er sich selbst hoch nahm. Immer waren die Gespräche mit ihm eine dramatische Reise durch sein Seelenchaos.  Tatsächlich war er fortwährend ein Opfer aufgekratzter Schräglagen, egal ob er schrieb, malte oder den Bass spielte. Allzeit machten ihn die einem dafür zu ihrem Gott und immer nannten ihn die Anderen, die ihn treffen wollten, einen Nichtskönner. Unklar, woher er die Kraft nahm, manchmal diese rücksichtslosen Rhythmus- und Tonartwechsel auszuhalten, klar eher, dass er sie auf Dauer nicht aushalten konnte.

Auch nach seinem Tod brauchte seine letzte Lebensgefährtin Hilfe, um die Folgen seiner unorthodoxen Nachlassgestaltung zu ordnen – und so begleitete er mein Leben noch eine Weile nach dem eigenen Tode. 

Dann, nicht lang nach dem  Tod von Pjotr, Klaus und Heinz war auch Cäsar tot. Nach jenem fraglichen Abend habe ich ihn immer wieder mal getroffen, ihn auch mit seinen Spielern engagiert für ein Konzert. Er war auf eine überraschende Weise uneitel, musste nie von einem Olymp herunter kriechen, weil er auf keinem stand. Auf eine sympathische Art scheu, staunte man immer wieder, dass es so einer fertig brachte, auf die Bühne zu steigen.

Auf der offiziellen Web-Seite der Renft-Combo liest man das Motto „Legenden sterben nie“, rausgerotzt eher, wie ein Schrei gegen das Unfassliche, wie ein Schrei gegen die Welt, die doch nur das tut, was sie immer getan hat. Der Satz hat im Zusammenhang mit Renft viele Facetten, vielleicht zu viele.  Legenden sterben eben doch. Alle einzeln. Wie immer im richtigen Leben. Vielleicht bleibt ihr Wort, ihr Lied. Wer aber wird es singen, wenn seine Verfasser eines Tages nicht mehr da sein werden, wenn die Protagonisten die Bühne verlassen haben? Vielleicht wird der Wind dann wissen, was fehlt. Vielleicht wird es ihm immer wieder jemand erzählen.

Den Gipfel ihrer Wut haben sie alle verlassen, lange schon, jeder, wie wir lernen mussten, auf seine Weise. Vielleicht wird dann doch jemand die irgendwo zwischen Liebe und Zorn verblühende Rose weiter ehren wollen…

7. Gegrilltes mit Werner Hansch

Vor einigen Jahren gehörte ich einem Fußballverein als so eine Art Ehrenmitglied an, denn ich war seinerzeit mit dem Vereinsvorsitzenden befreundet.  Der Verein veranstaltete regelmäßig Turniere und wurde jeweils gebeten, dafür als Stadionsprecher tätig zu werden. Dieser Aufgabe unterzog ich mich gern, denn moderieren hat zu allen Zeiten auf meiner Liste beliebter Tätigkeit ganz oben gestanden. Es gibt ein altes Schwarz-Weiß-Foto von mir, darauf stehe ich als 6-jähriger mit einem Zettel in der Hand vor Eltern und Kindergartenkindern  und führe durch das Programm zur Verabschiedung meiner Kindergartengruppe. Der Zettel löste damals einige Verwunderung aus, denn mehrere Eltern erkundigten sich bei meiner Mutter, ob ich denn schon lesen könnte. Dies war allerdings nicht so, meine Mutter hatte mir die einzelnen Programmpunkte einfach in der richtigen Reihenfolge aufgemalt, so dass ich nichts vergessen konnte.

Und nun kam in einem Jahr –heute weiß ich nicht mehr, in welchem- während der Vorbereitung des Turniers die Nachricht: „Diesmal kannst du mit Werner Hansch gemeinsam moderieren.“  Ungefähr 8 Augenpaare sahen mich erwartungsfroh an und wurden enttäuscht.  Nein, ich wusste nicht, wer Werner Hansch war. Als ausgemachter Sportmuffel schaute ich alles Mögliche im Fernseher aber unter gar keinen Umständen irgendwelche Sportreportagen.

In der Folgezeit musste ich mich erst belesen um in Erfahrung zu bringen, dass ich mit einer Sportreporter-Legende zusammen moderieren würde.  Das löste dann doch ein gehöriges Maß an Vorfreude aus.

Als Hansch am Turniertag auf dem Platz erschien, waren wir sofort ein Kick und ein Ei. Selten habe ich mit einem Co-Moderator eine so gelungene flüssige Moderation aus dem Bauch heraus abliefern dürfen, wie mit diesem Vollprofi. Wir warfen uns gegenseitig die sprichwörtlichen Bälle zu, alles hatte eine Leichtigkeit, die ich vorher nicht erlebt hatte.  Hansch lieferte auch eine Probe seines Könnens, in dem er ein Teil eines Spiels live moderierte.  In den Pausen zwischen den Ansagen saßen wir uns an einer Bierbank gegenüber und erzählten einander  die verschiedensten Geschichten aus unseren Leben. Später kamen auch Freya, meine Frau, und die Begleiterin von Werner Hansch  dazu. Nach den Spielen saßen wir noch eine ganze Weile, tranken Bier und aßen Gegrilltes.

Natürlich interessierte sich Hansch, der auch ein paar Semester Rechtswissenschaft studiert hatte, auch für meine Anwaltskanzlei und so entstand der Plan, aufzubrechen, der Kanzlei einen kurzen Besichtigungs-Besuch abzustatten und sich anschließend in irgendeinem Gartenlokal niederzulassen und den Abend ausklingen zu lassen.

Und so landeten wir schließlich in der Freiheit 15 im Biergarten der Duke Bar. Nebenan im großen Saal wurde eine Hochzeit gefeiert und als es Mitternacht war wurde für das Brautpaar ein Feuerwerk angezündet, mit dem wir dann auch einen spannenden Tag mit dem großartigen Werner Hansch beendeten.  

8. Aurora,  Ochsenbäckchen, Paella und Dinge

Im Dezember des Jahres 1990 fand bei Hanne am Wasser, einem Sportlerheim in der Gutenbergstrasse eine Weihnachtsfeier für die Theatergesellschaft Köpenick, der ich während ihres Bestehens vorstand, statt.

Als ich dort ankam, blickte ich als erstes in die leuchtenden Augen eines vor Aufregung leicht geröteten schmächtigen Jungen, der wohl um die 14 war. Er war, wie sich alsbald herausstelle, der spiritus rector der kleinen jugendlichen Theatergruppe, die gekommen war, um unsere Feier mit ihrer Kunst zu veredeln  Das gelang ihnen im Übrigen auch bestens, denn der besagte Junge brachte einiges an Begabung und Spielfreude mit, von der sich auch seine Mitstreiter mitreißen ließen.   Unter unserem Beifall lief die Truppe zu großer Form auf.

Unter den Erwachsenen in der  Entourage der jungen Künstler, befand sich auch eine schwarzhaarige  Schönheit, die jeder im Raum kannte, Aurora Lacasa, deren Tochter Dominique ebenfalls zur Gruppe der jungen Bühnenkünstler gehörte. An jenem Abend wechselten wir das erste Wort miteinander und waren gemeinsam den Kunstschaffenden solidarisch.

Im Sommer des Folgejahres trafen wir bei einer Gartenparty den Jungen, den ich jetzt Ivo nenne,  wieder und erfuhren dabei, dass er gerade aus medizinischer Behandlung durch ein Krankenhaus wieder zu Hause angekommen war, weil er die Welt um sich herum nicht mehr verstanden hatte. Im Laufe des Nachmittags sprach ich lange mit ihm und zunehmend auch über sehr Vertrauliches.  Er zeigte mir von ihm verfasste Gedichte, die mir Gänsehaut verursachten, und dies ließ  bei mir immer heftigere Zweifel an dem Diagnose aufkommen, er könne am nächsten Montag wieder ganz normal zur Schule gehen.

Da saß nicht mehr die selbstbewusste Rampensau, die wenige Monate zuvor zu jeder sich bietenden Gelegenheit auf der Bühne abgeräumt hatte, da saß ein völlig verstörtes Kind, dass jeden Halt zu sich und seiner Umwelt verloren hatte. Es war gruselig.  Im Laufe der Gespräche jenes Nachmittags erhielten wir eine Einladung zum Geburtstag von Ivos Mutter in sein Zuhause ganz kurze Zeit später.

Neugierig nahmen wir an dem Geburtstag teil und mussten dort feststellen, dass die familiären und heimischen Gegebenheiten wohl nur wenig geeignet waren, zu Ivos Gesundung Eindrucksvolles zu leisten und ihn von seinen Dämonen zu befreien. Um noch einmal mit ihm darüber zu sprechen, wie man ihm helfen könnte, luden wir ihn ein, uns in unserem Haus zu besuchen.    

Ein paar Tage später saß er uns gegenüber. Was wir besprachen, mündete in dem Ergebnis, dass Ivo anderntags unter Zurücklassung seiner verständnislosen Eltern bei uns einzog. Er kam zunächst einmal  für zwei Wochen, aus denen schließlich drei Jahre wurden.

Aufregende Monate begannen. In schmerzlichen, Nächte dauernden, Gesprächen zerschlugen wir ihm sein selbstgezimmertes Weltbild, in dem nichts zueinander fand und gingen daran, mit ihm seine Blicke auf das, was ihn umgab, zu weiten und neu zu ordnen.

Dominique war mittlerweile Ivos Freundin und erschien als solche gelegentlich auf unserer Bildfläche, stets artig von Aurora grüßend, die – das wurde uns deutlich – aus der Ferne interessiert Ivos Werdegang verfolgte. Offenbar teilte sie unsere Sorge über sein schlechtes Befinden.

Zeit und Anlass also, ab und an mal wieder mit Aurora zu reden, die Ivo aus frühester Kindheit kannte.

Bei irgendeinem –wie es neudeutsch heißt –„ event“  in der Kulturbrauerei, bei dem ich mit unserer langjährigen Freundin Barbara Thalheim war, holte Aurora uns aus der Menge an ihren Tisch, einer der übliche langen Bierbänke. Wir saßen lange beieinander und sprachen über Ivo und zahlreiche Themen.  

Vermutlich sind wir an diesem Abend Freunde geworden.

Barbara und Aurora sind schon seit ihrer Jugend beste Freundinnen, so dass wir uns fürderhin immer in Dreierkombination gegenseitig einluden, gemeinsam etwas Leckeres zu essen und einige Flaschen Rotwein dazu zu leeren. Solange Freya noch lebte, war sie natürlich auch immer dabei.

Jürgen, Auroras Mann kam oft zu mir in die Kanzlei, weil wir uns gemeinsam für die Mitwirkung von Künstlern in demokratischen Angelegenheiten einsetzten. Außerdem kungelten wir immer hinter Auroras Rücken und suchten nach Möglichkeiten, sie dazu zu bringen, ihre Bühnenkarriere wieder aufzunehmen. Als ihre Töchter geboren wurden, hatte Aurora der Bühne den Rücken gekehrt aber mittlerweile waren Dominique und Odette erwachsen und wir hätten es gern gesehen, wenn sie ihre Lieder wieder dem Publikum schenkt.  Nach langen Bemühungen ist das schließlich auch gelungen.

Aurora bei der Premiere eines ihrer Konzerte

Eng mit unseren Zusammentreffen  sind auch immer kleine kulinarische Begebenheiten, die in Erinnerung blieben. z.B., als ich den kleinen Ritterschlag dadurch erfuhr,  dass Aurora, die einen erheblichen Teil ihrer Ernährung ohne Fleisch gestaltet,  bei mir zum ersten Mal in Ihrem Leben geschmorte Ochsenbäckchen ass und ganz begeistert davon ganz begeistert war.

Selfi mit Aurora nach einem Essen bei mir

 Oder als Aurora und Jürgen bei einem Besuch im Krankenhaus bei mir nicht nur zu den schnellsten Besuchern gehörten, sondern auch Mandarinen mitbrachten, die Aurora als extra lecker klassifizierte und ihre Freude Ausdruck verlieh, sie für mich noch einmal gefunden zu haben. Und tatsächlich schmeckten diese Mandarinen dann so gut, dass ich jede einzelne wie einen Schatz betrachtete und ass.

Wenn Aurora die Gastgeberin unserer Runden ist, kommt immer  eine phantastische Köchin zum Vorschein, was sie auf den Tisch bringt ist sorgfältig gearbeitet, fein im Geschmack und ohne jeden Tadel. Aufgrund ihrer Lebensgeschichte wird von ihr meist französisch oder spanisch gekocht. Bei einem unserer Treffen hatte ich Tage zuvor Früchtebrote gebacken und nahm eins als kleines Angebinde mit.  Aurora begrüßte das Mitbringsel begeistert, denn sie hatte Foie gras als Vorspeise zubereitet und dazu passte das Früchtebrot ganz besonders gut.

Das alles wird jedoch von ihrer Paella übertroffen, die unwiderstehlich ist und die sie auf einem speziellen Kocher in einer riesigen Pfanne herstellt. Dazu ein spanischen Wein und ein mehrstündiges Kramen in alten Zeiten, vom Oktoberclub bis zu Weihnachten in Familie, besser ist der Tag nicht zu machen…

9. Schnittchen bei Annekathrin

Anfang der 90er Jahre sagte Norbert Podewin, bekannter Autor unter anderem der Ulbricht Biografie, aber auch eines Buches über die beiden Generationen Friedrich Ebert, zu uns:“ Ich gehe zum Geburtstag von Annekathrin Bürger, wollt ihr mitkommen, sie freut sich bestimmt, euch kennenzulernen.“

Natürlich wollten wir.

Als wir in dem Haus in der Uhlenhorster Straße ankamen, in dem Annekathrin und ihr Mann Rolf Römer wohnten, war dort schon eine bunte Feiergemeinde versammelt. Regelmäßig traf man dort, was in der DDR Rang und Namen hatte.  Von Stefan Heym  über Manfred Krug, Maria und Willi Moese, Barbara Kellerbauer, Jurek Becker und viele andere, die mir hoffentlich nicht übel nehmen, dass ich sie jetzt hier nicht mit aufzähle.

Natürlich kamen zu solchen Festlichkeiten aus Dessau auch stets Annekathrins Bruder  Olaf Rammelt, seine Frau Christine Rammelt-Hadelich und deren gemeinsame Tochter Luise. Solange sie lebte  kam auch die Mutter mit.

Annekathrin heißt mit bürgerlichem Namen ebenso wie ihr Vater und ihr Bruder Rammelt, eine Situation, die bei ihrem ersten Filme „Eine Berliner Romance1956 bei der Benennung der drei Hauptdarsteller zu der interessanten Wort Konstruktion „Thein Rammelt Pape“ geführt hätte.  Um das zu vermeiden, hat sie den Namen ihrer Großmutter Bürger als Künstlernamen angenommen.

Bei derartigen Festlichkeiten darf man sich bei Bürger-Römers stets in allen Räumlichkeiten der unteren Etage ergehen:  vom Garten angefangen über die Veranda, die beiden großen Zimmer und natürlich die Küche, in der Kathrin mit Hilfe ihre Haushälterin und einiget Freundinnen regelmäßig  ein  Buffet errichtet hatte, zu dem verschiedene Suppen gehörten und ihre berühmten Schnittchen.

Podewin übrigens, der uns dort mit hingenommen hatte, hatte  ein sehr sonderbares Verhältnis zu Kathrin.  Er nannte sie‚ Frau Annekathrin“ und sie redete ihn mit „Herr Norbert“ an und ich kann mich nicht erinnern, je bei einer anderen Person von der Anwendung eines derartigen, im Grunde eher scheuen Rituals gehört zu haben. Ob er auch mit Rolf derartige Begrüßungsrituale pflegte, habe ich nicht mitbekommen.

 In der Folgezeit sollte ich vor allem sehr häufig mit Rolf zu tun haben. Rolf war, wenn er einmal sein Auto bestiegen hatte, so ziemlich der undisziplinierteste Autofahrer, den man sich vorstellen konnte. Dies führte zu einem ganzen Konvolut von Anzeigen, mit denen die Polizeidirektionen unterschiedlicher Bundesländer ihm ihre Meinung über die Geschwindigkeiten, die er zu fahren pflegte, schriftlich kundtaten. Ferner war er Sammler historischer  Waffen, die überwiegend dem Waffengesetz unterlagen. Es damit genau zu nehmen, widersprach jedoch auch dem unorthodoxen Geist von Rolf. So tauchte er in regelmäßigen Abständen in meiner Kanzlei auf  und meine damalige Vorzimmerchefin zeigte mir sein Erscheinen immer dadurch an, dass sie die Hände zusammen legte und nach außen öffnete, so, als wenn ein Vorhang auf einer Bühne sich öffnet. Damit war ich dann vorgewarnt, dass nun Rolfs Auftritt in meinem Arbeitszimmer folgen würde.

Annekathrin und Freya in unserem Keller
Annekatrin und Freya im Partykeller unseres Hauses (Im Hintergrund Rolf Römer)

Besonders engmaschig wurden die Termine in meiner Kanzlei, als wir gemeinsam den Verein „Kinder vom Don“ gründeten.  Zur Notwendigkeit dieser Gründung kam es wie folgt.

Soweit ich mich erinnere entschlossen sich im Winter  1990 die Schauspieler der Berliner Volksbühne, zu denen auch Kathrin gehörte, ihren Moskauer Kollegen, den es nicht so gut ging, Weihnachtspäckchen zu schicken. Auch Annekathrin und Rolf beteiligten sich an dieser Aktion. Einige Wochen – im Februar 1991 – bekamen sie einen Brief aus Rostov am Don, geschrieben von einer Tatjana Sorokina. Tatjana bedankte sich in diesem Brief auf das Herzlichste bei Katrin und Rolf für die Geschenke zu Weihnachten. Es stellte sich heraus, dass die Moskauer Theaterschaffenden, für die die Pakete gepackt wurden waren, befunden hatten, dass dies alles viel zu viel für sie sei, und deshalb einen Teil der Pakete an andere Bedürftige weiterzuleiten. Auf diese Weise waren die Präsente von Annekathrin und Rolf bei der Familie Sorokin in Rostov am Don gelandet. Tatjana berichtete in diesem Brief, dass sie mit ihrem Mann zusammen ein Kinderhaus führen würde, indem 23 Kinder mit ihnen lebten. Die Kinder waren überwiegend Waisenkinder oder Kinder aus zerrütteten Haushalten; überdies war eine Reihe von ihnen auf die eine oder andere Weise versehrt. Der Bericht war so berührend, dass man ihn kaum lesen konnte, ohne dabei Tränen in den Augen zu bekommen. Ich erinnere mich zweier Sätze,  die ich bis heute nicht vergessen kann. „Im Rayon Krankenhaus zeigten sie uns drei Kinder, zwei davon hatten eine Hasenscharte, auf einen traf die Diagnose „Durag“ (Dummkopf) zu. Sie sagten zu uns, wir sollten uns ein Kind für unser Kinderhaus aussuchen. Wir nahmen alle drei. Es waren ganz normale Kinder, die einfach Liebe brauchten“ und „die Diagnose Durak haben sie inzwischen auch schon von Volodja genommen.“   „Vieles hat mein Mann Michail selber gebaut aber wir brauchen richtige Tassen, denn an den Blechtassen, die wir haben, verbrennen sich unsere Kinder immer den Mund wenn wir heißen Tee einfüllen.“

Schnell war für Kathrin und Rolf klar: Hier muss Hilfe organisiert werden.  Rolf suchte die Feuerwehr auf um nach einem älteren Kleinbus zu fragen. Er bekam die Antwort, dass dies prinzipiell denkbar wäre, aber Abnehmer solcher Spende müsse ein gemeinnütziger Verein sein und für ihn war klar, Vereinsgründung kann nur mit Greulich im Boot gelingen. So tauchte er erneut in meiner Kanzlei auf, um mein Handwerk zur Gründung eines Vereins in Anspruch zu nehmen. Schließlich entfaltete der neu gegründete Verein „Kinder vom Don“ sein segensreiches Wirken. Ihm traten auch einige unserer Freunde bei und gemeinsam organisierten wir ein paar Jahre lang  Hilfslieferungen nach Raswjet bei Rostov am Don von denen nicht nur die Familie Sorokin profitierte sondern auch einig Akteure in der Region, wie z.B. das Krankenhaus. Rolf war sich nicht zu schade, immer wieder die Hilfslieferungen nach dort zu begleiten, die quälenden Zollangelegenheiten und die Dinge mit regionalen Behörden   auszufechten und bei Notwendigkeit auch selbst zur  Maurerkelle zu greifen und für die Sorokins und ihre Kinder neu Räumlichkeiten zu mauern.

Dass die Vereinssitzungen stets bei Kathrin und Rolf stattfanden und Kathrin dabei ihre berühmten Schnittchen servierte, verwundert nun sicher nicht.

Einige Jahre gingen ins Land. Tatjana kam während dieser Zeit auch einmal mit einigen  der Kinder nach Berlin, saß mit ihren Kindern auch zu einer Mahlzeit in der Veranda unseres damaligen Wohnsitzes. Wir durften unzählige Fotos ansehen. Die ersten Kinder der Sorokins heirateten und zogen in ein eigenes Zuhause. Irgendwann kamen wir zu dem Schluss, dass unsere Hilfe nicht länger erforderlich ist und schlossen die Vereinsarbeit ab.

Annekatrin bei einem Konzert in unserem Haus

Damals hatte ich die Angewohnheit, Freunde und Bekannte, zu denen wir zum Geburtstag geladen waren, mit einem kleinen selbstgeschriebenen und oft sehr persönlichen Porträt zu beschenken. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, las ich das Porträt vor allen Gästen  vor und überreichte anschließend dem jeweiligen Jubilar oder der Jubilarin ein ausgedrucktes Exemplar.

Zu einem der runden Geburtstage von Kathrin, ich weiß heute nicht mehr, zu welchem, schrieb ich ein solches Porträt auch für Annekathrin. Angesichts der großen Anzahl einschlägig bekannter Gäste rutsche mein Herz aber von Minute zu Minute tiefer. Wer stellt sich schon neben einen Stefan Heim und liest der Jubilarin des Hauses sein Selbstzusammengepinseltes vor…

Wie immer in solchen Situationen suchte ich Freyas Rat.  Sie sagte zu mir: „Dann liest du es eben später, wenn die meisten schon gegangen sind.“

Tatsächlich aber machte Freya hinter meinem Rücken mit Rolf gemeinsame Sache und als die Zahl der Gäste nicht mehr zu überbieten war, lief Rolf plötzlich mit einem Gong herum und rief „Alle in den großen Verhandlungsaal, alle…“ Als alle seiner Aufforderung nachgekommen waren, teilte Rolf der Menge und damit auch mir mit, dass ich etwas über Kathrin geschrieben hätte und das jetzt vorlesen wolle. Da gab es kein Entkommen mehr, nun musste ich, Traute hin, Traute her.

Ich las, bekam viel Beifall und offenbar hatten andere auch auf so eine Situation gewartet, denn es entspann sich jetzt ganz unabgesprochen ein richtiges kleines Kulturprogramm, ich erinnere mich, dass u.a. Barbara Kellerbauer und Uschi Brüning nacheinander sangen und Ernst-Ludwig Petrowski auf einer sehr kleinen Flöte spielte und höchst amüsantes dazu erzählte. Er beendete sein kleines Konzert mit der Bemerkung, nun habe er alle Töne einmal gespielt und deshalb sei es Zeit, aufzuhören.

Im Nachhinein war ich natürlich froh über die kleine Intrige von Rolf und Freya, hatte sie uns doch zu diesem schönen Programm für Kathrin geführt.

Als Rolf 2000 verunglückte und wenige Tage danach an den Unfallfolgen verstarb, bat Kathrin mich, bei seiner Beerdigung die Rede für die Familie und die Freunde zu halten. Das hatte ich bis dahin noch nie gemacht, gleichwohl versprach ich Kathrin, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Da ich wusste, dass Kathrin kein tieftrauriges Traktat hören wollte,  nahm ich in der Rede auch Bezug auf die zahlreichen kleinen Schwächen von Rolf und konnte den Trauergästen damit sogar das eine oder andere Lächeln ins Gesicht zaubern.  Nach der Feier bedankten sich mehrere der Trauergäste bei mir dafür, dass ich ein so plastisches Bild von Rolf mit all seinen Stärken und Schwächen gezeichnet hätte.   

Da ich mit Kathrins Schnittchen begonnen habe, werde ich auch mit ihnen enden. Irgendwann vor 3 oder 4 Jahren hatten mein Freund Henning und ich uns mal mit Kathrin aus Anlass eines unrunden Geburtstages zu einer abendlichen Runde verabredet und Kathrin hatte uns – wie immer- angekündigt, sie werde einige Kleinigkeiten zum Essen vorbereiten. Henning und ich kauften eine großen Blumenstrauß und fanden zur vereinbarten Zeit vor Kathrins Haus ein. Allein, unser Klingeln und Klopfen führte nicht zum Einlass in das Haus. Aus irgendwelchen Gründen, die sich im Nachhinein nicht so richtig aufklären ließen, hatte Kathrin unser Klingeln und Klopfen nicht wahrgenommen und sich nur irgendwann mal gewundert, wo wir denn blieben. Denn selbstverständlich hatte sie uns nicht vergessen sondern auch den angekündigten Imbiss vorbereitet.

So mussten wir unverrichtet mit unserem schönen Blumenstrauß wieder abrücken und Kathrin blieb auf einem Haufen ihrer liebevoll vorbereiteten Schnittchen sitzen.

Als Kathrin vor 3 Jahren ihrem 80. Geburtstag entgegen sah, überlegten Henning und ich, wie wir ihr denn eine besondere Freude machen könnten. Im Ergebnis dieser Überlegungen verfolgten wir zwei Dinge. Eine Freundin von uns war zu diesem Zeitpunkt als Lehrerin in Raswjet. Henning nahm Kontakt zu ihr auf und bat sie, die Sorokins zu besuchen. Sie sollte dabei ein Video von Tatjana aufnehmen, in dem Tatjana ein paar Geburtstagsglückwünsche für Kathrin in die Kamera spricht.

Zur selben Zeit versuchte ich Kontakt zu Armin Müller-Stahl aufzunehmen. Meine einzige Quelle war, dass ich erfuhr, dass das künstlerische Werk von Müller-Stahl vom Kunsthaus Lübeck vertreten wird.  Dort rief ich an, und erkundigte mich, ob sie einen Brief an Müller-Stahl weiterleiten würden, wenn ich ihnen den schicken würde. Sie waren dazu bereit. Also bat ich Müller-Stahl in diesem Brief darum, seiner alten Freundin und  Kollegin zu ihrem Geburtstag auch ein paar Worte in eine Video Botschaft zu sprechen und mir zu schicken. Nach ein paar Wochen rief mich der Direktor des Kunsthauses an und teilte mir mit, dass Herr Müller-Stahl leider keine Gelegenheit gehabt hat, die gewünschte Botschaft zu erstellen, aber er habe eine kleine Zeichnung für sie gefertigt und ein paar Grüße darauf geschrieben. Ob er mir das zuschicken dürfte, er würde auch noch einen aktuellen Katalog hinzufügen. Er durfte und so hatte ich ein paar Tage einen echten Müller-Stahl im Hause. Er trug die Grußbotschaft: „80, du Kathrin, das hätte ich dir gern erspart…“

Auch Henning war erfolgreich, die Freundin hatte ein schönes Video von Tatjana gedreht und den russisch gesprochenen Text übersetzt und über Tatjanas Stimme synchronisiert. Alles war  sehr professionell. So konnten Henning und ich gut gerüstet dem 80. von Kathrin entgegen sehen.

Kathrin hatte sich entschlossen, ihren Geburtstag in zwei Chargen zu feiern, zunächst am eigentlichen Geburtstag im April mit der Familie und dann in der warmen Jahreszeit im Garten mit ihren Freunden und Freundinnen. Interessanterweise wurden wir zu beiden Kategorien gezählt und konnten unsere spannenden Geschenke, über die sich Kathrin natürlich sehr freute, auf diese Weise zweimal überreichen. Und zweimal von ihren berühmten Schnittchen naschen…

10. Frühstück mit Rita Pavone

Wer in den 60ger Jahren im (West)deutschen Schlagermarkt unterwegs war, der kam an ihr nicht vorbei: Rita Pavone, kleine quirlige Sängerin aus Italien und in Italien auch heute noch immer ein Superstar, mischte auch eine Zeitlang  den deutschen Schlagermarkt auf. Legender ihr Titel „Arrivederci Hans“, den wir als  junge Burschen mit einem zotigen Reim auf Hans veränderten, den nachzuvollziehen ich jetzt der Fantasie des geneigten Lesers überlasse. Bekannt auch ihr Wunsch: „Wenn ich ein Junge wäre.“ Der Fortgang des Textes: …das wäre wunderschön, da könnt ich jeden Tag in langen Hosen gehen“, lässt jedoch jeden Gedanken an frühe Genderdebatten im Keim ersticken. „

1973 spielte die Pavone in dem Kinofilm „Blaue Bohnen für ein Halleluja“ neben Terence Hill die weibliche Hauptrolle.

Im Jahre 2002 lud uns unser Freund, der Schlagersänger Uwe Jensen in seine Show „Wiedersehen macht Freude“ in Hoyerswerda ein.

Wir fuhren dorthin und Uwe hatte für unsere  Übernachtung Zimmer in dem Congresshotel neben der Lausitzhalle reservieren lassen, in dem auch zumindest die weitgereisteren Künstler aus der Show übernachteten.

In der Show, durch die Uwe führte, traten u. a. neben der Gruppe Kreis, Roland Neudert, City und John Kincate auch Rita Pavone auf.  Die Pavone sang ein Medley mit ihren aus der Jugend bekannten Titeln und dann ein Lied, „Cuore“, dass ich noch nicht gehört hatte, dass mir aber gut gefiel. Offenbar existierte zu diesem Lied kein deutscher Text, denn Sie sang es in italienischer Sprache.

Über Nacht überlegte ich mir, ihr anzubieten, ihr einen deutschen Text dazu schreiben. An Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr, aber morgens muss ich wohl mit Uwe  darüber gesprochen haben und ihn gebeten haben, ein Gespräch mit Rita und ihrem Manager zu arrangieren.

So dauerte es nicht lange und Freya und ich fanden uns an einem der üblichen Frühstückstische zusammen mit Rita Pavone und Ihrem Manager. An die Einzelheiten unseres Gesprächs erinnere ich mich heute nicht mehr, es gipfelte jedenfalls in der Bitte der Pavone, den deutschen Text zu erstellen und ihr zuzusenden. Ansonsten habe ich sie als freundliche und bescheiden auftretende Frau in Erinnerung.

Als ich ihr einige Wochen später den inzwischen fertig gestellten Text übersandte, kam etwas später darauf Antwort aus Italien. Der Manager schrieb, Rita Pavone ließe für den Text danken, nach umfangreichen Diskussionen habe man sich aber doch nicht dazu entscheiden können, an den deutschen Schlagermarkt zurück zu kehren.

In Erinnerung blieb ein Frühstück mit einem italienischen Star und unser Dank an Uwe für ein interessantes Erlebnis .